13. Juni 2007

Rave-Verbot

Geschrieben von Alex in Land

In einem Anflug von Nostalgie habe ich mir gestern ein paar Klassiker elektronischer Musik auf YouTube angehört und ein wenig in der Wikipedia geblättert. Dabei bin ich auf was Erstaunliches gestoßen: Rave-Partys im Freien sind in Großbritannien seit 1994 verboten.

Damals wurde als Reaktion auf den Castlemorton Rave (1992) der drakonische „Criminal Justice and Public Order Act 1994″ verabschiedet.

Rave-Partys unter freiem Himmel mit mehr als 100 Teilnehmern können seitdem von der Polizei aufgelöst werden. Technojünger, die sich auf dem Weg zu einer solchen Feier befinden, dürfen in einem 8-Kilometer-Radius gestoppt und weggeschickt werden. Strafen von bis zu £1000 sind möglich, Soundsysteme können beschlagnahmt werden. Wenn ich das richtig verstehe, sind Festivals wie die Love Parade oder Nature One hier im UK also nicht möglich.

Offiziell sollte das Gesetz die Nachbarn vor Ruhestörung durch laute Musik mit „einer Aufeinanderfolge sich wiederholender Beats“ schützen. Doch die Wikipedia nennt Kritiker, die den Zweck des Gesetzes darin sehen, „eine populäre Jugendbewegung zu vernichten, die viele Trinker aus den Innenstädten und weg vom versteuerten Alkohol raus auf die Felder zu unversteuerten Drogen und kostenlosem Trinkwasser lockte.“

Und da gibt es noch Leute die sagen, in Deutschland – dem Heimatland der Love Parade – sei einfach alles verboten.

8. Juni 2007

Bananen für Britain

Geschrieben von Alex in Land

Auf der G8-Parade in Heiligendamm diskutieren gerade die Regierungschefs der reichsten Nationen bei Festbanketts darüber, wie viele Brosamen man den Armen und Hungrigen übrig lassen will. Doch vor nicht allzu langer Zeit steckte der Westen in einer tiefen Krise und ein afrikanisches Land bot Unterstützung mit Nahrungsmitteln an.

Die BBC zeigt gerade eine sehenswerte Doku-Reihe über die Geschichte Großbritanniens. In der dritten Folge von A History of Modern Britain ging es um die 60er- und 70er-Jahre.

Die Ölkrise der 70er sorgte für Energieknappheit in Großbritannien. Strom für Fabriken und Büros wurde auf drei Tage die Woche limitiert, das Tempolimit wurde auf 80 km/h verringert. Und sogar die BBC stellte um 22 Uhr abends den Sendebetrieb ein.

In dieser kritische Phase bot die ehemalige britische Kolonie Uganda ihre (nicht ganz ernst gemeinte) Hilfe an. „Wir haben so viele Tonnen Bananen. Wir können sie abgeben! Das ist Wirtschaftshilfe. Wir können ihnen mit Lebensmittlen aushelfen. Denn Großbritannien befindet sich ja jetzt im Chaos.“

Realsatire vom Feinsten. Ich konnte mich vor Lachen kaum halten. Wie die Bananen alllerdings gegen den Treibstoffmangel helfen sollte, wollte der ugandische Präsident Idi Amin leider nicht verraten. Biokraftstoff aus Bananen gibts jedenfalls auch heute noch nicht.

uganda.jpg

5. Juni 2007

Satanisches Nationalsymbol

Geschrieben von Alex in Land

Im Wahlkampf sind sich Parteien oft nicht zu schade, mit ulkigen Vorschlägen auf ihre Programm aufmerksam zumachen. Der Christlichen Partei Wales gelang das im vergangenen Wahlkampf um die Walisische Nationalversammlung sehr eindrucksvoll.

Deren Wahlprogramm versprach tatsächlich, den roten Drachen von der walisischen Flagge zu entfernen. Denn schließlich sei dieser ein wahrhaftiges Symbol des Teufels. Viel lieber hätten die Religionspolitiker die Flagge des Heiligen St. David als neue Nationalstandarte gesehen. St. David ist Schutzpatron der Waliser und hat seinen eigenen Feiertag in Wales (1. März).

St. David's Flag
St. David’s Flagge

Das Vorhaben stieß bei den Waliser aber anscheinend nicht auf viel Gegenliebe: Bei der Wahl erhielten sie in den Regionen mickrige 0,9 Prozent der abgegebenen Stimmen.

1. Juni 2007

Gäste unerwünscht?

Geschrieben von Alex in Land

Wer als Nicht-EU-Bürger eine Reise nach Deutschland plant, braucht ein Visum. Die Deutsche Botschaft ist deshalb für ihn meist der erste direkte Berührungspunkt mit deutscher Kultur. Eine Erfahrung, die im Gedächtnis haften bleibt.

Mein Freund aus dem Iran hat dieses Erlebnis hinter sich. In den Osterferien wollte er Freunde in Stuttgart besuchen. Ohne Visum ist das wie gesagt unmöglich. Um ein solches zu bekommen ist ein Besuch in der Deutschen Botschaft nötig. Die ist allerdings in London.

Termine hierfür werden ausschließlich telefonisch vergeben. Mein Freund wurde bei seinem Anruf von einer warmherzigen und freundlichen Antwortautomatik begrüßt, die in stoischer Ruhe das Anmeldeprozedere erklärte. Während der belehrende Begrüßungstext vom Band lief, zeigte das Display das Münztelefon ein bedrohlich schnell fallendes Guthaben. Denn ein Anruf in der Botschaft kosten 1 Pfund die Minute (1,50 Euro).

Um potentielle Staatsgäste noch ein wenig weiter zu ärgern, folgt nach vielen Entscheidungen zwischen Taste 1, 2 oder 3 endlich die Eingabe der persönlichen Daten. Doch den eigenen Namen darf man nicht aufsagen, sondern muss ihn umständlich per Telefontastatur eintippen. Geduldig fütterte mein Freund das Telefon mit Hartgeld und tippte unaufhörlich auf dem Nummernfeld.

Vergeblich. Nach 18 Minuten war sein Münzvorrat aufgebraucht und er musste frustriert und ohne Termin auflegen.

Letztendlich haben seine deutschen Freunde ihm einen Termin besorgt. Und der Aufenthalt in Deutschland hat in letztlich für das bürokratische Visavergabeverfahren entschädigt.

28. Mai 2007

Der erste Eindruck

Geschrieben von Alex in Land

Der erste Eindruck zählt. Eine wichtige Erkenntnis, die nicht nur beim Vorstellungsgespäch bedeutsam ist. Dozenten, die einen Vortrag halten; Vertreter, die ihre Produkte anpreisen; Singles, die einen Flirt beginnen: Sie alle müssen auf ersten Blick überzeugen. Denn sonst schalten die Zuhörer ab, werden keine Produkte verkauft und ist der Flirt-Versuch zum Scheitern verurteilt.

Auch der allererste Kontakt mit einer fremden Nationalität oder Kultur wirkt prägend. Ob es die ersten Tage in einem fremden Land oder das Gespräch mit einem ausländischen Mitbürger sind: Diese Begegnungen formen positive und negative Vorurteile, die lange bestehen bleiben. Steffi hat schon vor einigen Monaten treffend festgestellt, dass auch wir für einen ersten Eindruck verantwortlich sind: Den ersten Eindruck, den Mitstudenten und Einheimische von Deutschen gewinnen. „Wir sind Botschafter unseres Landes“, meint Steffi.

Recht hat sie. Schon nach wenigen Wochen bestätigte mir das mein Mitbewohner Scott. Deutsche seien ganz anders, als er sie sich vorgestellt habe. Gar nicht so langweilig und sogar mit einem Sinn für Humor. Dagegen hätten sich seine Vorurteile über Franzosen bewahrheit. Arrogant und herablassend habe er sie erlebt. Und das sagt er, obwohl er in mir den ersten Deutschen kennengelernt hat. Und im Zimmernachbarn David den ersten Franzosen.

Ein einzelner Ausländer wird als stellvertretend für sein ganzes Volk gesehen. Dumm nur, dass ich eben gerade kein „typischer“ Deutscher bin – falls es sowas überhaupt gibt. Ich verachte das von den Briten hochgeschätzte „German beer“, vielmehr noch, trinke gar keinen Alkohol. Auch das auf der Insel bekannteste deutsche Fastfood, „German sausages“, gönne ich mir selten. Und zuguterletzt weiß ich kaum etwas über „German cars“ zu berichten. Stattdessen erläutert mir ein Freund aus der Türkei den Unterschied zwischen C- und S-Klasse und schwärmt dabei von seinem eigenen Mercedes und den nächtlichen Rennen auf Istanbuls Straßen.

Doch mal ehrlich: Unser Land hat viel mehr als nur Bier, Würstchen und Autos zu bieten. Deshalb freue ich mich jedes Mal, wenn ich allzu fest zementierte Ansichten über Deutschland zum bröckeln bringen kann.

13. Mai 2007

Aufgeweichte Stimmzettel

Geschrieben von Alex in Land

Die Wahlen in Wales und Schottland liegen etwas mehr als eine Woche zurück und mittlerweile haben sich die Wogen wieder etwas geglättet. Denn am Tag nach der Wahl war allerorten vom „totalen Wahlchaos“ die Rede. Der Grund: Fast 100.000 Stimmzettel wurden in Schottland für ungültig erklärt. (Weiterlesen…)

29. April 2007

Germanismen

Geschrieben von Alex in Land

Immer mehr Lehnwörter aus dem Englischen bereichern und verändern die deutsche Sprache. Es gibt einige Kritiker, die ein solches „Denglisch“ ablehnen. Zu ihnen gehört der Verein Deutsche Sprache. Im Jahr 2005 gelang es den Sprachhütern, eine ganze Stadt für den Kampf gegen Anglizismen zu gewinnen: Das thüringische Städtchen Mühlhausen ermutigt seine Beamten, Unternehmer und Einwohner, sich wieder dem vielfältigen Vokabular der deutschen Sprache zu bedienen.

Auf der britischen Insel sieht man das etwas gelassener cooler. Auch hier haben viele Fremdwörter Einzug in den alltäglichen Sprachgebrauch gefunden. Doch hier fürchtet man nicht den Verlust der kulturellen Identität, weil sich der Wortschatz verändert. Nicht wenige der neuen Vokabeln sind deutschen Ursprungs. Der bekannteste Germanismus dürfte mit Sicherheit der kindergarten sein.

Wenn Briten über den Zweiten Weltkrieg sprechen – und das tun sie nur allzu gerne –, dann ist fast jeder Satz mit einem deutschen Wort gespickt. Oft ist vom blitz die Rede – kurz für Blitzkrieg. Statt von den German armed forces und tanks spricht man von der wehrmacht und panzers. Aus dem Zweiten Weltkrieg stammt auch der Begriff krauts, mit dem Deutsche aufgrund ihrer angeblichen Vorliebe für Sauerkraut (igitt!) spöttisch bezeichnet werden.

Der letzte Schrei unter den deutschen Lehnwörtern ist über, das hier meistens als uber zu lesen ist und als Synonym für super verwendet. Die angesagtesten Kinofilme sind hier also nicht bloß cool, sondern uber-cool. Sentimentale Leinwandromanzen werden dagegen auch im Englischen als kitsch abgestempelt.

Und schließlich wandert ein englisches Wort – das eigentlich keines ist – aus dem Deutschen zurück ins Englische: Das Wort Handy, das im Englischen eigentlich nützlich heißt und nur von Deutschen für Mobiltelefon verwendet wird. Es schickt sich an, die sperrigen mobile phone und cellphone aus dem Sprachgebrauch zu verdrängen.

In der akademischen Sprache bin ich auch schon über Begriffe wie realpolitik, zeitgeist oder weltanschauung gestolpert. Diese Liste ließe sich unendlich fortsetzen, aber diese Mühe haben sich schon andere vor mir gemacht: Auf germanenglishwords.com findet sich ein umfangreiches Lexikon deutscher Wörter, die es ins Englische geschafft haben.

8. April 2007

As long as we beat the English

Geschrieben von Alex in Land

Die Six Nations Championships sind eines der absoluten Highlights im walisischen Sportjahr. Das Rugby-Turnier zwischen England, Frankreich, Italien, Irland, Schottland und Wales gilt als die inoffizielle Rugby-Europameisterschaft und wird seit 1883 ausgetragen (damals nur mit den Teams von der Insel).

Für Wales waren die Titelkämpfe im Februar und März alles andere als erfolgreich. Vier Niederlagen in fünf Spielen reichten nur zum vorletzten Platz vor Italien. Der Titel ging nach Frankreich. Gegen den Erzrivalen England gab es jedoch einen 27–18 Erfolg. Und das bedeutet den nationalstolzen Walisern sehr viel.

Ein Lebensgefühl, das die walisische Rockgruppe Stereophonics in folgendem Song auf den Punkt gebracht hat: As long as we beat the English

Kurz und knapp: Die Iren und Schotten können uns schlagen – so lange wir die Engländer schlagen ist und das egal.

Ich hatte zwar keinen Platz im Millenium Stadium, konnte aber die zweite Hälfte des Spiels auf der BBC verfolgen. Und war schon ziemlich stolz auf meine Waliser Jungs :-)

22. März 2007

Transparenter Wahl-Karneval

Geschrieben von Alex in Land

Im Fach Politik und Medien lerne ich derzeit, wie dramatisch sich das Verhalten unserer Politiker seit der Entwicklung von Radio und Fernsehen verändert hat. Weil unsere Volksvertreter ständig im medialen Rampenlicht stehen, achten sie immer mehr auf Aussehen und Image. Ihre politischen Standpunkte treten dagegen in den Hintergrund. Die Politik wird zu einem Theater, in dem Spitzenpolitiker die Star-Schauspieler sind. Wie sehr Politik zum Schauspiel geworden ist, zeigt sich besonders in Wahlkampagnen. Die Kandidaten treffen sich zu Schaukämpfen in Fernsehstudios und geben wohlklingende Wahlversprechen ab, an die später nicht mehr erinnert werden wollen.

Die Studenten an der Cardiff University durften Anfang der Woche ihre Repräsentanten wählen. Gewählt werden unter anderem der Präsident der Studentenunion, der Chef der Sportvereine und die Chefredakteurin des Campusmagazins. Der einwöchige Wahlkampf hier vor allem Karneval. Die Kandidaten tun alles dafür, in Gedächtnis der Wähler haften zu bleiben. (Weiterlesen auf campusseite.de)

16. März 2007

Wappentier

Geschrieben von Alex in Land

Auch wenn Stuttgart die offizielle Partnerstadt von Cardiff ist – die walisische Hauptstadt hat viele Gemeinsamkeiten mit meiner Studien-Heimat Ilmenau. Und das nicht nur wegen dem regnerisch-trüben Wetter, das hier ganzjährig herrscht. Die beiden Studentenmetropolen haben auch dasselbe Maskottchen: Den Ziegenbock.

Während Ilmenau das meckrige Haustier in einem Sprichwort verewigt hat („In Ilmenau, da ist der Himmel blau, da tanzt der Ziegenbock mit seiner Frau“), hat Cardiff das bockige Tierchen sogar in sein Stadtwappen aufgenommen.

Cardiff Wappen

Warum gerade die Ziege als Symbol für Cardiff herhalten muss, ist unklar. Nein, die Menschen sind hier weder bärtig noch bockig… Vielleicht liegt es daran, das die Ziege seit 150 Jahren das Maskottchen des Königlich-walisischen Regiments ist. Das Regiment ist Teil der britischen Armee und in Cardiff stationiert. Im Krim-Krieg, 1855, schenkte Königin Victoria dem Regiment aus ungeklärten Gründen eine Ziege. Seitdem wird die walisische Truppe zu offiziellen Anlässen von „Taffy“ angeführt.

Doch eine Ziege ist nicht unbedingt das Tier, das mir von Cardiff in Erinnerung bleiben wird. Denn es sind andere Tiere, die die walisische Hauptstadt beherrschen. Möwen und Elstern regieren die Lüfte, Tauben die Einkaufsstraßen. Und in den Grünanlagen herrschen die „Squirrels“, zu deutsch Eichhörnchen (ein echter Zungenbrecher auf Englisch). Von diesen drolligen Nagern wuseln Hunderte in den Stadtparks und Vorgärten herum…

Squirrel

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