Der erste Eindruck
Der erste Eindruck zählt. Eine wichtige Erkenntnis, die nicht nur beim Vorstellungsgespäch bedeutsam ist. Dozenten, die einen Vortrag halten; Vertreter, die ihre Produkte anpreisen; Singles, die einen Flirt beginnen: Sie alle müssen auf ersten Blick überzeugen. Denn sonst schalten die Zuhörer ab, werden keine Produkte verkauft und ist der Flirt-Versuch zum Scheitern verurteilt.
Auch der allererste Kontakt mit einer fremden Nationalität oder Kultur wirkt prägend. Ob es die ersten Tage in einem fremden Land oder das Gespräch mit einem ausländischen Mitbürger sind: Diese Begegnungen formen positive und negative Vorurteile, die lange bestehen bleiben. Steffi hat schon vor einigen Monaten treffend festgestellt, dass auch wir für einen ersten Eindruck verantwortlich sind: Den ersten Eindruck, den Mitstudenten und Einheimische von Deutschen gewinnen. „Wir sind Botschafter unseres Landes“, meint Steffi.
Recht hat sie. Schon nach wenigen Wochen bestätigte mir das mein Mitbewohner Scott. Deutsche seien ganz anders, als er sie sich vorgestellt habe. Gar nicht so langweilig und sogar mit einem Sinn für Humor. Dagegen hätten sich seine Vorurteile über Franzosen bewahrheit. Arrogant und herablassend habe er sie erlebt. Und das sagt er, obwohl er in mir den ersten Deutschen kennengelernt hat. Und im Zimmernachbarn David den ersten Franzosen.
Ein einzelner Ausländer wird als stellvertretend für sein ganzes Volk gesehen. Dumm nur, dass ich eben gerade kein „typischer“ Deutscher bin – falls es sowas überhaupt gibt. Ich verachte das von den Briten hochgeschätzte „German beer“, vielmehr noch, trinke gar keinen Alkohol. Auch das auf der Insel bekannteste deutsche Fastfood, „German sausages“, gönne ich mir selten. Und zuguterletzt weiß ich kaum etwas über „German cars“ zu berichten. Stattdessen erläutert mir ein Freund aus der Türkei den Unterschied zwischen C- und S-Klasse und schwärmt dabei von seinem eigenen Mercedes und den nächtlichen Rennen auf Istanbuls Straßen.
Doch mal ehrlich: Unser Land hat viel mehr als nur Bier, Würstchen und Autos zu bieten. Deshalb freue ich mich jedes Mal, wenn ich allzu fest zementierte Ansichten über Deutschland zum bröckeln bringen kann.

